Gendarmen-Mord bei Elsenborn

Hier können Sie die Geschichte einer gemeinen Mordtat nachlesen, die damals in der ganzen Umgebung größte Erregung hervorgerufen hat und die Bevölkerung durch das traurige Los, das den beiden Braven bei der Ausführung ihrer Pflicht erlitten haben, auf das Tiefste betroffen machte.

24.08.1946

Gestern morgen gegen 6.00 Uhr machen zwei Gendarme in der Umgebung von Elsenborn ihre Dienstrunde. Es waren die Wachtmeister Jean Ferriré, 36 Jahre, Vater von zwei Kindern und der 23jährige Gendarm Henri Triest, der seit einer Woche verheiratet war. Bekanntlich durchqueren regelmäßig Gendarmeriestreifen Tag und Nacht das Grenzgebiet um Schmuggler, entflohene Kriegsgefangene usw. aufzuspüren. Man weiß auch, dass dieser Dienst seine Gefahren mit sich bringt, da die Verfolgten vielfach bewaffnet sind und nicht zögern, sich ihrer Waffe zu bedienen.

Die beiden Gendarmen waren gegen 10.00 Uhr noch nicht zu ihren Posten zurückgekehrt. Zu dieser Zeit kam eine Streife der Brigade von Kalterherberg auf der Landstraße nach Elsenborn vorbei und fand in der Nähe eines Steinbruchs bei Küchelscheid zwei verlassene Fahrräder.

Bei näherem Zusehen entdeckte man zuerst den unglücklichen Kollegen Triest, dessen Körper von zahlreichen Maschinenpistolenkugeln durchbohrt war. Es wurde sofort Alarm gegeben und weitere Nachforschungen unternommen, und es dauerete nicht lange, bis man etwas weiter auch die Leiche des Wachtmeisters Ferriré, der ebenfalls von mehreren Kugeln getroffen worden war, fand.

Es besteht kein Zweifel, dass die beiden Gendarmen bewaffneten Feinden zum Opfer gefallen sind. Man glaubt nicht, dass ein Gefecht stattgefunden hat, sondern man nimmt an, dass die Gendarmen aus dem Hinterhalt erschossen worden sind. Handelt es sich um Schmuggler, um entflohene deutsche Kriegsgefangenen oder um belgische Deserteure, die allen Grund hatten nicht gesehen zu werden? Oder liegt vielleicht ein Racheakt vor?
(...)

26.08.1946

Die erste Meldung von dem Verbrechen wurde durch einen Feldhüter gemacht, der darüber berichtet: 

"Ich war in einiger Entfernung von der Stelle, wo die von Elsenborn nach Kalterherberg führende Landstraße etwa 2 Kilometer von der Grenze abbiegt. Auf der einen Stelle steigt das Gelände zu einer waldigen Höhe an, auf der anderen liegen gleichhohe Wälder und die Eisenbahnstrecke entlang der Roer. Als ich eine Serie Schüsse vernahm, achtete ich nicht weiter darauf, da es viele Jäger in der Gegend gibt. Dann kam ein militärischer uniformierter Radfahrer an mir vorbei, der mich kurz begrüßte. Etwas weiter entdeckte ich plötzlich frische Blutspuren auf der Straße und sah an der Waldgrenze im Graben zwei Fahrräder und das Kepi eines Gendarmen. Jetzt macht ich einige Schritte weiter und stand vor der Leiche des Gendarmen Triest. Zunächst pfiff ich dem Radfahrer, der aber nicht darauf hörte und seinen weg fortsetzte. In diesem Augenblick kam ein Landwirt aus Kalterherberg mit seinem Karren vorbei, den ich bat, solange bei dem Toten zu verbleiben, bis ich zwei Waldarbeiter geholt hatte, die in der Nähe Holz schlugen.

Später erzählte mir der Landwirt, dass der Radfahrer wieder zurückgekommen sei und, ohne anzuhalten seinen Weg wieder auf Elsenborn zu fortgesetzt habe. Bald fand ich auch die Leiche des zweiten Gendarmen in der Nähe der Roer. Jetzt lief ich nach Elsenborn und alarmierte dort die Gendarmen, die sofort das Gericht von Verviers und den Doktor Orban von Büllingen antelefonierte."

Der Arzt konnte ohne die Stellung der Leichen zu verändern den eingetretenen Tod feststellen. Wachtmeister Triest lag auf der linken Seite und hatte den rechten Arm zum Kopf erhoben, sein Kamerad Ferriré lag auf dem Rücken und hatte die Beine zur Hälfte im Wasser der Roer hängen. Triest wurde durch einen Stirnschuss getötet, während Ferriré zwei Schüsse durch den Mund erhalten hatte, die in das Gehirn gelangen, und er wies außerdem noch eine Schusswunde am linken Arm.

An der anderen Seite des Flusses fand man auch den Schäferhund, der den Wachtmeister Ferriré begleitete, am Fuße einer Tanne, erschossen vor. Dieser Hund hatte die Aufmerksamkeit eines weiteren Zeugen erregt, eines Mannes aus Leykaul bei Kalterherberg, der vorübergekommen war, als etwa 300 Meter von der Mordstelle entfernt die beiden Gendarmen zwei in belgische Uniform gekleidete Männer ausfragten. Er hatte sonst nicht viel auf dieses an der Grenze alltägliches Schauspiel geachtet und sich hauptsächlich für das Tier interessiert, das herumsprang.

Auch in der Nähe arbeitende deutsche Kriegsgefangene  sprachen darüber, und ein gefangener Offizier meldete, dass er ungefähr um die Zeit des Verbrechens mit einem aus der Richtung kommenden belgischen Soldaten auf einem Fahrrad gesprochen habe. Der Offizier kannte den Soldaten bei Namen. Der aus Elsenborn geholte Soldat, ein Flame, gab an, dass er kurz vor 9.00 Uhr an der Tatstelle vorbeigekommen sei. Dort habe er zwei mit Schmutz bedeckte Soldaten gesehen, die aus dem Dickicht kamen und ihn fragten ob er einen Schuss gehört habe. Der Soldat bejahte und erhielt die Erklärung: "wir haben einen Hund erschossen. Dann kletterten die beiden, ohne weiter etwas zu sagen, den bewaldeten Hang hinauf und verschwanden in Richtung auf das Lager zu. Die Beiden sind ihm unbekannt.

Eine neue Spur
Der Kommandant von Sourbrodt meldete, dass der dortige Garagenbesitzer Willems ihm auf einen Fremden aufmerksam machte, der bei Delhaize am Bahnhof von Sourbrodt wohnt und der zuweilen Militäruniform, zu anderen Zeiten Zivilkleidung trägt. Sofort gehen Gendarmen nach Sourbrodt ab um den Fremden zu holen, kommen aber bald ohne ihn zurück. Sie haben aber in einem Zimmer eine Handtasche mit Kleider und dem Namen René Van Loo-Brüssel gefunden. Gendarmen und Zollbeamte machen sich auf, um alle Bauerhöfe der Gegend zu durchsuchen.

Hände hoch!
Etwa 400 Meter von der Mordstelle entfernt liegt der "Hof zum grünen Kloster", dessen Besitzer Cremer, angeblich gewohnheitsmäßig Schmugglern Unterschlupf bietet. Das Gehöff wird von der Gendarmerie eingeschlossen. Man geht mit Vorsicht vor, da man es allem Anschein nach mit Burschen zu tun hat, die sofort schießen werden.

Plötzlich hört man rufen: "Hände hoch!". Kurz darauf erscheint ein Zollbeamter und ruft: "Wir haben sie"! Dann sieht man einen Gendarmen, der einen großen Mann in einem Militärhemd und brauner Hose  mit der Pistole in Schacht hält. Man legt ihm die Handschellen an. Er ist der gesuchte Van Loo. Noch ein weiterer Verdächtiger findet sich, ein gewisser Goris aus Brüssel, der weißes Hemd und blaue Hose trägt und sich in Begleitung seiner Frau befindet. Später hört man, dass es nicht die Mörder selber sind, dass sie aber der gleichen Schmugglerbande wie diese angehören.

Die Mordwaffe aufgefunden
Die Suche nach der Mordwaffe war schließlich von Erfolg gekrönt. Man fand in der Roer selbst eine deutsche 9-schüssige Parabellumpistole. Vermutlich haben die Mörder damit die Gendarmen niedergeschossen, ihnen dann die Dienstpistole aus der Tasche gezogen und sie damit vollends getötet, um später die Waffen wegzuwerfen.

Die Pistole 08 oder Parabellumpistole (im Ausland auch "Luger" genannt) bekannt, wurde von Georg Luger (1849-1923) konstruiert. Parabellum kommt vom römischen Ausspruch: Si vis pacem, para bellum des Philosophen Venetius: Wenn du in Frieden leben willst, bereite Dich auf den Krieg vor.

Die Pistole 08 ist eine der am meisten gebauten Handfeuerwaffen. Sie wurde zunächst bei den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) Berlin, später von zahlreichen anderen Herstellern und staatlichen Waffenfabriken gefertigt.

Van Loo gibt Auskünfte
Die drei Verhafteten wurden im Lager Elsenborn einem eingehenden Verhör unterzogen. Zunächst verhielten sie sich sehr schweigsam, bis sich Van Loo zum reden bequemte. Er habe mit den beiden Mörder zusammen geschmuggelt. Sie hätten zusammen 40 Kilo Kaffee und 30 Kilo Tabak gehabt, hätten die Grenze nicht überschreiten können. Er selber und das Ehepaar Goris hätten sich von den beiden anderen getrennt, die eine andere Richtung einschlugen.

Noch ein Zeuge
Der beigeordnete Arrondissement-Kommissar Hoen ist ebenfalls mit seinem Wagen kurz vor 9.00 Uhr an der Tatstelle durchgekommen und hat gleichfalls die Gendarmen mit den beiden angeblich Militärs gesehen. Er beschreibt diese als einen großen und einem kleineren Mann, von denen der Große ein Abzeichen auf dem Ärmel trug. Dem Zeugen wurden Van Loo und Goris vorgeführt, aber von diesem als nicht mit den vermutlichen Tätern identisch bezeichnet.

Die Verhafteten und die Mörder sind alle demobilisierte Soldaten, die im Lager Elsenborn lagen, und die ihre Ortskenntnisse nun zum Schmuggeln ausnutzten.

Die Namen der Mörder
Eine Belga-Meldung besagt: die Namen der beiden Mörder wurde bekannt gegeben: es sind André Traent und Joseph Vandenbossche, beide aus Brüssel. Trotz aller Nachsuche und des systematischen Durchstöbern der Gegend hat man bisher noch keine weitere Spur der Verbrecher gefunden. Van Loo, der die Nacht vor dem Verbrechen mit ihnen zusammen war, bestätigt, dass sie im Besitze einer Parabellumpistole sind.

27.08.1946

Die Parabellummaschinenpistole enthielt 9 Kugeln, von denen bisher nur 6 wiedergefunden wurden. Je zwei, welche die beiden Gendarmen getroffen haben, eine ungebrauchte auf der Landstraße und eine sechste , mit der der Hund erschossen wurde.

Es scheint jedenfalls festzustehen, dass die Mörder die beiden Revolver der Gendarmen, die geladen waren, mitgenommen haben, sodass man bei der Suche nach den Schmugglern sehr vorsichtig sein muss, da man annehmen kann, dass die Verbrecher zum Letzten entschlossen sind.

Eine verfehlte Schmuggelaffäre
Im Laufe des Mittwoch und des Donnerstag hatten die Schmuggler ihre Reise nach Deutschland vorbereitet. Goris sollte in der gleichen Nacht mit seiner Frau für 14 Tagen nach Deutschland gehen, um die nötigen Autos und Motorräder aufzutreiben, die nach Belgien gebracht werden sollten.
Da seine Frau jedoch nicht einverstanden war, verbrachte er nun einen Tag jenseits der Grenze um einen Lastwagen für den Transport der Schmuggelware zu finden, sobald diese hinübergeschafft worden war.

Die Schmuggler hatten sich an einer gewissen Stelle während der nacht abgesprochen. Das Geschäft gelang jedoch nicht, weil die Gruppe Van Loo sich scheinbar unentschlossen zeigte. Die Ware wurde daher in einem Bauernhof untergebracht, wo sie nachher vorgefunden und  beschlagnahmt werden konnte. Van Loo behauptet, dass Taent und Vandenbossch darüber sehr verärgert waren und beschlossen allein wegzuziehen.
Van Loo , sowie das Ehepaar Goris gingen durch den Wald gegen 10.00 Uhr morgens zum "grünen Kloster" zurück. Sie behaupten nicht zu wissen, was inzwischen mit Taent und Vandenbossch geschehen ist.
(...)

29.08.1946

Ein großes Hindernis für den Fortgang der Untersuchung bildet die Terrorstimmung in der ganzen Gegend. Die Landwirte verbarrikadieren sich auf ihren Höfen weil sie vermuten, dass die Täter auch von weiteren Morden nicht zurückschrecken würden.

Die Verhaftung der Familie Cremer
Sonntag morgen wurden der Landwirt Cremer und seine beiden Söhne Mathieu und Jakob verhaftet, als sie in ihrem Hof "zum grünen Jäger" zurückkehrten, den sie am Montag zuvor verlassen hatten, um am Wiederaufbau eines ihnen gehörigen Hauses bei Sankt-Vith zu arbeiten.
Sie befanden sich also zur Zeit des Mordes nicht am Tatort, haben aber schon seit langem den Schmugglern Beistand geleistet. Bei Ihnen versteckten Traent und Van Loo ihre Uniformen und sie halfen beim Verkauf der aus Deutschland ausgeführten Schmuggelware.

Auch die Frau und Tochter Cremer Ware mit in diese dunkle Geschäfte verwickelt und es steht fest, dass das Hauptquartier der Bande im "grünen Kloster" aufgeschlagen war. Der Vater und die Söhne können natürlich Vandenbossch nicht kenne, da dieser erst während ihrer Abwesenheit am Donnerstag in der Gegend eintraf.

Eine mögliche Darstellung des Dramas
Dank der Aussage eines Militärlastwagenchauffeurs, welche dieser durch die M.P. der Gendarmerie zuleitete, lässt sich das Drama von Freitag mit einer ziemlichen Sicherheit rekonstruieren.

Man weiß, dass sich die beiden Täter mit dem Ehepaar Goris und Van Loo mit 40 kg Kaffee und ebensoviel Tabak zur Grenze begaben. Sie kamen aber nicht hinüber und beschlossen einen erneuten Versuch. Ihre Schmuggelware ließen sie im Hofe des Clemens Alt in Leykaul bei Kalterherberg liegen, wo sie diese später abholen wollten und wo sie dann auch durch die Gendarmen vorgefunden wurde.
Dort haben sich auch die beiden Gruppen getrennt.

Van Loo und das Ehepaar Goris schlichen sich durch den Wald, während Traent und Vandenbossch die Landstraße benutzten, wo sie durch die Gendarmen Triest und Ferriré angehalten wurden. Diese stellten fest, dass sie es mit falschen Militärs zu tun hatten. Die Täter haben vermutlich gestanden, dass sie ihre Komplizen im "grünen Kloster" treffen wollten, und sollten von den Gendarmen dorthin gebracht werden.

Der anfangs genannte Chauffeur traf die Gendarmen mit den beiden Verhafteten auf der Landstraße an und schlug ihnen vor, sie mit ins Lager zu nehmen.
Ferriré dankte ihm und sagte: "Wir gehen nicht sofort zurück, sondern müssen noch ein paar hundert Meter weitergehen". Das "grüne Kloster" liegt aber nur 400 Meter von der Mordstelle ab.

Van Loo und die beiden Goris begaben sich sofort dorthin und wunderten sich, dass die beiden anderen nicht pünktlich erschienen. Als der Lastwagen sich entfernt hatte, haben die Schmuggler an einer engen Straßenstelle die Gelegenheit ausgenutzt, die durch ihre Fahrräder behinderten Gendarmen in den Graben zu stoßen. Diese konnten nicht sofort ihre Pistolen ziehen, während die bewaffneten Schmuggler zunächst gleich auf Triest schossen. Ferriré gelang es hochzukommen, er setzte sofort mit seinem Hund einem der Banditen nach der sich über den Bach zu retten versuchte. Der Hund sprang seinem Herren voran und wurde auf dem anderen Ufer erschossen. Der Schmuggler drehte sich dann um und erschoss Ferriré, der gerade im Begriff war durch den Bach zu folgen. Man fand den Toten bekanntlich mit den Beinen im Wasser hängend auf, was die obige Annahme bestätigt.

(...)

30.08.1946

Die Nachsuche der Mörder ist mit Gefahr verbunden da sie sich über Gebiete erstreckt, deren Entminierung noch keineswegs gesichert ist.

Am Donnerstag morgen vernahmen Gendarmen, die an der Straße von Rocherath nach Walerscheid an der Suche teilnahmen, um 10.05 Uhr eine schwere Detonation und sahen in der Nähe eine dunkle Rauchsäule aufsteigen. Sie eilten sofort zur Stelle der Explosion und fanden dort zwei ihrer Kameraden im Blute liegen. Wachtmeister Borbousse war furchtbar verstümmelt und der mit ihm zusammen befindlichen Gendarmen Herbillon schwer verletzt, lebte aber noch. Er wurde sofort nach Bütgenbach ins Spital verbracht.

Beide gehörten der 4. mobilen Gruppe von Lüttich an und waren erst vor 3 Tagen zur Verstärkung nach Rocherath gekommen. Sie gingen am Straßenrande vorwärts, als einer von ihnen auf eine versteckte Mine trat, die krepierte. Der Wachtmeister, ein 35jähriger Familienvater, war sofort tot, sein Begleiter lag hilflos am Boden.

Der Unfall ist nur schwer verständlich. Er ereignete sich an einer Kurve der Straße, wo diese sehr schmal ist. Hunderte von Autos, die dort durchgefahren sind, sind durch die Fliehkraft über den äußersten Straßenrand gefahren, wo die Mine versteckt lag, ohne dass es zur Explosion kam. Niemand konnte annehmen, dass sich an dieser vielbefahrenen Stelle noch eine Mine befinden konnte.

Herbillon erliegt seinen Verletzungen
Der Zustand des verwundeten Gendarmen Herbillon, der 26 Jahre zählte und unverheiratet war, gab von Anfang an Anlass zu den schwersten Besorgnissen, die sich leider bereits am Nachmittag verwirklichten. Herbillon war aus dem Hennegau gebürtig und ein ehemaliger Kriegsgefangener. Nach seiner Rückkehr aus Deutschland trat er in die Gendarmerie ein.

Die Untersuchung
Das neue Drama vermehrt den Schrecken, der die ganze Gegend ergriffen hat, und ist eine unmittelbare Folge der Mordtat, deren Urheber leider immer noch nicht gefasst wurden.

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31.08.1946

Als vor einer Woche Van Loo und Goris vernahmen, dass man sie als Mörder der beiden Gendarmen ansehe, protestierten sie lebhaft und verwiesen auf ihre Schuldlosigkeit, die sie auch beweisen konnten. In dem Bestreben sich selber möglichst zu entlasten und zu schützen machten sie ohne Schwierigkeiten Angaben über alle ihnen bekannten Anhaltspunkte, die zur Entdeckung der Mörder führen könnten.

Der geheimnisvolle "Jo"
Sie erzählten: "wir gingen zusammen zur Grenze mit Andre Taent aus Brüssel, der gewöhnlich die Sachen organisierte und der uns kurz zuvor einen uns Unbekannten mit den Worten vorgestellt hatte: das ist Jo, mehr braucht ihr nicht zu wissen".

Daraufhin wurde sofort die Brüsseler Dienststelle alarmiert, die sehr bald genügend Auskunft über Taent und seinen Komplizen Jean Vandenbossche, einen 22-jährigen Studenten liefern konnten. Das Signalement der beiden Gesuchten wurde überall hin durchgegeben und ihre Photos überall verbreitet. Van Loo erkannte auf den Photos Taent sofort wieder, erklärte aber, dass Vandenbossche gar nicht mit dabei gewesen sei. Dieser sei groß und blond, währen "Jo" schwarze Locken habe und das Haar in der Mitte gescheitelt trüge.

Van Loo erzählte, dass er mit Traent und Vandenbossche eng befreundet sei; während des Krieges hätten sie gemeinsam versucht nach England zu kommen, seien aber an der schweizer Grenze angehalten worden. Kurz nach der Befreiung seien sie alle drei in der Brigade Piron eingetreten, hätten an den Kämpfen teilgenommen und seien von ihrer Demobilisierung unter den ersten Besatzungstruppen in Deutschland gewesen.

Sie seien Freunde geblieben, Taent und Vandenbossche seien ganz unzertrennlich gewesen und man habe sie immer zusammen gesehen, bis Vandenbossche, der guten Unterricht genossen hatte und vier Sprachen geläufig beherrschte, bei der englischen Zensur im besetzten Gebiet eintrat. Er befinde sich immer noch in Bonn. Wenn er bisher noch nicht zurückgekommen und seine Unschuld bewiesen habe, so kommt es daher, dass er von dem Verbrechen noch nichts wisse.

Diese Aussage von Van Loo kann kaum in Zweifel gezogen werden, da Van Loo ersichtlich bereut und sich bemüht der Justiz zu helfen. Alle seine sonstigen Aussagen haben sich als wahr erwiesen und er kann auch kein Interesse daran haben, de einen zu entlasten und dafür einen anderen seiner Kameraden anzuklagen, falls diese Angaben unrichtig sein sollten.

Es schein sich also um einen gewaltigen Irrtum zu handeln, und man wird Vandenbossche jede Gelegenheit bieten müssen, um seinen guten Ruf wieder zu gewinnen.
(...)

02.09.1946

TAENT IN DÜSSELDORF VERHAFTET
Die belgische M.P. von Montjoie teilte noch kurz vor der Drucklegung mit, dass einer der Mörder von Elsenborn, der Brüsseler Taent, heute morgen in Düsseldorf verhaftet werden konnte. Die beiden Kerle waren in der Tat in Deutschland signalisiert worden. Die sofort mit Energie durchgeführten Nachforschungen leiteten zur Verhaftung eines derselben. Es ist zu hoffen, dass auch der zweite Mörder nun mehr schnell gefasst werden kann.

Die Mörder der Gendarmen verhaftet
Die belgischen Behörden hatten Kenntnis der Adresse einer Frau in Wattenscheid in Westfalen erhalten, mit der die Bande in Verbindung stand und zu der die Schmuggelware, Kaffee und Tabak, geschaffen wurden. Von dort aus nahmen sie auch die Autos, Schreibmaschinen, Rasierklingen usw. mit, die zur Einfuhr nach Belgien bestimmt waren.

Auf Nachrichten aus Montjoie und der militärischen belgischen Polizei in Aachen hin konnten die englischen M.P. Tant in Wattenscheid festnehmen, wo er sich in Zivilkleidern bei der Schmugglerin im Garten versteckt hielt. Im Verlauf des folgenden Abends traf er, durch Gendarmen begleitet, bereits in Malmedy ein. Der Verhaftete machte keinen niedergeschlagenen Eindruck und antwortete auf alle ihm gestellten Fragen. Er hat selbstverständlich "nicht geschossen". Es war "Jo" allein, der die Gendarmen niederschoss.

Taent sagt aus
Die Schilderungen der Vorgänge am 23. August, die Tant gibt, stimmt mit denen der bisher vernommenen Zeugen überein. Er spricht von dem vergeblichen versuch über die Grenze zu kommen, der folgenden Trennung der beisen Gruppen deren andere sich zum "grünen Kloster" begab, während er, Tant, zusammen mit "Jo" die Landstraße benutzte. Dort begegneten sie die beiden Gendarmen, welche nach den Papieren fragten. Sie besaßen keine und hatten als Demobilisierte auch nicht das Recht zum weiteren Tragen der Uniformen. Die Gendarmen durchsuchten sie flüchtig und forderten sie dann zum Mitkommen auf, wobei sie die linke Hand des "Jo, mit der rechten von Tant durch Handschellen verbanden.

Kurz nachdem der bereits als Zeuge vernommenen Militärchauffeur, der die Gendarmen mit ihren Gefangenen mit sich ins Lager nehmen wollte, vorübergefahren war, kam es zu dem blutigen Drama.

Die Gendarmen führten ihre Fahrräder an der hand und hielten sich an der rechten Stra?5enseite in der Richtung auf das Lager zu. Plötzlich habe "Jo" mit blitzschnelle den Gendarmen Triest zur Seite gestoßen , seine Parbellumpistole, die er versteckt hatte, gezogen und den Gendarmen niedergeschossen. Mit einem zweiten Schuss habe er die Kette der Handschellen zersprengt. Tant behauptet, sich daraufhin im Gebüsch versteckt zu haben. Es kam dann zu einem Kampf und Verfolgung zwischen "Jo" und dem zweiten Gendarmen. "Jo" sei nach kurzer Zeit zurückgekommen und habe gesagt, dass er den Gendarmen und seinen Hund gleichfalls erschossen habe. Die beiden nahmen dann die Pistolen der Gendarmen an sich und entfernten sich.

Sie hielten sich bis zum Montag, dem 6. August in den Wäldern der Umgebung von Elsenborn versteckt. Sie waren es auch auf die der Kommandant der Brigade Elsenborn, Schröder, am Samstag morgen in der Nähe des Schwalmbachs geschossen hat. Montag trennten sich die Beiden. Tant begab sich mit der Eisenbahn und mit Lastwagen nach Wattenscheid, während "Jo" auf bisher unbekannter weise mit einer Ladung Schmuggelware bis Brüssel kam. Bevor Tant die deutsche Grenze überschritt, warf er die Pistole des Gendarmen Triest im Walde fort.

Über den Mord  werden noch folgende Einzelheiten bekannt:
Der Gendarm Triest war durch den ersten Schuss nicht tödlich getroffen. Gaudius schoss ihn daraufhin  nochmal durch de Kopf als er bereits am Boden lag. Inzwischen war Ferrieré auf Gaudius losgesprungen der vergeblich zu schießen versuchte, weil das Magazin der Pistole leer war. Der Gendarm packte Gaudius an der Kehle und beide Männer rollten im erbarmungslosen Kampf in den Straßengraben. Der Kampf wurde bis zum Ufer der Roer fortgesetzt, wo Gaudius merkte, dass er unterlag. Er rief um Hilfe und Tant kam herbei, schoss zunächst den Hund jenseits des Baches nieder und kehrte dann zurück um ein weiter Kugel de Gendarmen Ferrieré in den Kopf zu schießen.

Der zweite Täter Joseph Gaudius
Tant, der zunächst behauptete, seinen Komplizen nur unter dem Spitznamen "Jo" zu kennen, erklärte diesen in Brüssel auf dem Altmarkt kannengelernt zu haben. Als er von dessen Verhaftung hörte, gab er endlich den ganzen Namen und die Adresse an: Joseph Gaudius aus Schuet-Anderlecht. Er kannte ihn schon seit er 16 Jahre alt war. Mit Van Loo und Goris habe er seit mehreren Monaten zusammengearbeitet. In der nacht vom 30. Juni hätten sie zusammen in einem Hotel in Malmedy übernachtet und dort Kaffe in größeren Mengen gekauft. Gaudius gehörte damals noch nicht mit zur Bande und nahm erst an dem verfehlte Versuch vom 23. August teil.

Diese Aussage von Tant steht um Widerspruch zu gewissen durch die Untersuchungen festgestellten Tatsachen. Tant und Gaudius werden konfrontiert werden.

Wo liegt die Wahrheit?
Die Darstellung von Tant weicht in den Einzelheiten von der Schilderung des Gaudius ab. Tant hat seine anfänglichen Aussagen zurückgenommen und eingestanden, den Gendarmen Ferrieré getötet zu haben, während Gaudius den Gendarmen Triest niedergeschossen habe. Jo behauptet aber im Gegensatz dazu, dass Tant allein beide Gendarmen ermordet habe.

Unklar bleibt also, wie die Beiden sich des Revolvers bedienen konnten, während sie noch aneinander gefesselt waren und warum der Gendarm Ferrieré selber nicht rechtzeitig geschossen hat. Vermutlich wird am Dienstag morgen ein Rekonstruktion der Mordtat am Tatorte stattfinden.

03.09.1946

GAUDIUS LEGT GESTÄNDNIS AB
Gaudius hat endlich seine Schuld zugegeben. Er bestätigte die zweite berichtigte Aussage von Taent. Dieser wusste, dass Gaudius ein Mann war, der vor nichts zurückscheute. Er nahm ihn darum als eventuellen Totschläger mit in die Bande auf und gab ihm seine Waffe in seinem Gürtel unter dem "battledress" und meinte, dass er sie schon finden werde, falls er einmal von den Gendarmen gefasst werden sollte.

Als der Lastwagen, dessen Chauffeur die Gendarmen und ihre Arrestanten mit ins Lager nehmen wollte, abgefahren war, legten die Gendarmen den beiden Schmugglern die Handschellen an. Einige Schritte weiter stieß Gaudius den Taent mit dem Ellbogen an und machte ihm ein Zeichen, sich seitwärts zu stellen und ihn gegen die Gendarmen zu decken. Mit der Linken holte er die Parabellum aus ihrem Versteck, machte sie schussfertig und feuerte von hinten aus nächster Entfernung mehrere Schüsse auf die Gendarmen ab. Triest wurde in den Bauch getroffen und brach zusammen, Ferrieré erhielt einen doppelten Armschuss und sprang in das Dickicht, gefolgt von seinem Hund.

Gaudius zerschoss dann die Kette der Handschellen. Taent nahm dann dem am Boden liegenden Triest dessen eigene Pistole aus der Tasche und erschoss ihn damit. Die Beiden warten dann die Räder und Käppis der Gendarmen ins Gebüsch Während Taent die Flucht ergriff, setzte Gaudius dem Gendarmen Ferrieré nach. Es gelang ihm, ihn mit seiner leeren Pistole zu stellen; als er dann abdrücken wollte, merkte er, dass keine Kugel mehr im Magazin war, und er rief Taent zur Hilfe. Ferrieré stürzte sich auf seinen Angreifer und riss ihm im Handgemenge ein Büschel Haare aus. Obschon er verwundet war, wäre er mit Gaudius fertiggeworden, wenn nicht inzwischen Taent zurückgekommen wäre, der zunächst mit drei Schüssen den Hund niederstreckte und dann den Gendarmen durch den Kopf schoss.

Die beiden Aussagen von Taent und Gaudius stimmen demnach überein, desgleichen ihre Angaben über ihr Leben im Versteck während der nächsten Tage.

Warum hat Ferrieré nicht geschossen?
Diese sehr naheliegende Frage wird vielleicht nie geklärt werden. War eine Pistole verklemmt? Man weiß nur, dass er verzweifelt Versuche machte Gaudius niederzuschlagen und, dass seine große Stärke es ihm trotz des verwundeten Armes erlaubte seinen Gegner zu Boden zu werfen.

(...)

06.09.1946

Es erscheint schwierig alle Einzelheiten noch einmal genau so zu wiederholen, wie sie sich vor zwei Wochen abgespielt haben. Gaudius erklärt des öfteren: "Es ist möglich, dass es so war, aber ich kann mich nicht mehr genau erinnern".

Als Taent und Gaudius durch die Gendarmen gestellt wurden, wurden sie aufgefordert diese zu begleiten; sie hatte die Hände frei bis zu dem Augenblick, in dem der Militärlastwagen erschien, dessen Papiere ebenfalls kontrolliert wurden. Während die Gendarmen mit dem Chauffeur sprachen, gingen die beiden Schmuggler etwa 100 Meter weiter und fanden dabei Gelegenheit, sich abzusprechen. Sie erklären, dass sie ausgerissen wären falls sie den Hund nicht gefürchtet hätten. Die Gendarmen holten dann die Beiden wieder ein und legten ihnen die Handschellen an.

Die Gendarmen mit den Fahrrädern gingen voraus. Taent und Gaudius folgten ihnen. Gaudius zog dann mit der linken Hand, die an die rechte von Taent gefesselt war, die versteckte Pistole und schoss mit der rechten. Er traf Triest in den Unterleib und den Gendarmen Ferrieré in den Oberarm, der gelähmt wurde. Die Getroffenen ließen ihre Fahrräder fallen. Triest machte noch ein paar Schritte und brach dann zusammen, während Ferrieré seitwärts ins Gebüsch sprang. Daneben fließt die Roer, die hier etwa 3 Meter breit und einen halben Meter tief ist.

Immer noch aneinander gefesselt stürzten sich die beiden Burschen auf den am Boden liegenden Gendarmen Triest, dem Gaudius die Pistole vorhielt und ihn so zwang seine Dienstpistole Taent zu geben. Dann erschoss er aus unmittelbarer Nähe den Gendarmen. Mit einem weiteren Schuss zersprengte er die Kette der Handschellen. Taent machte dann darauf aufmerksam, dass jemand vorüber kommen könne und stieß darum die Leiche von Triest in den Graben unter das Buschwerk, wie es dann auch mit de Fahrrädern geschah.

Taent ergriff dann die Flucht über den Hang. Gaudius wollte anfänglich das Gleiche tun, erinnerte sich aber, dass Ferrieré die veräterrischen Ausweispapiere an sich genommen hatte. Damit war auch sein Schicksal besiegelt. Gaudius wollte von der Straße aus auf ihn schießen, aber die Pistole war leer. Daraufhin sprang gaudius ihm nach und bedrohte ihn mit seiner an sich nutzlos gewordenen Waffe. Ferrieré litt augenscheinlich stark  unter seiner Armwunde und schien nicht imstande seine eigene Pistole zu ziehen. 

Als er seinen Gegner mit der Parabellumpistole vor sich auftauchen sah, gab er ihm die Papiere mit der Bemerkung: "es ist gut so! Sieh mal was du mir schon getan hast". Aber Gaudius rief Taent zur Hilfe, der den Revolver von Triest mitbrachte. Kaum hatte er den Bach überschritten, als der Hund ihn anfiel, der dann mit 2 Schüsse niedergestreckt wurde. Während dieser Zwischenfall die Aufmerksamkeit von gaudius für einen Augenblick ablenkte versuchte Ferrieré zu dem überliegenden Ufer des Baches zu kommen, fiel dort aber zu Boden. Gaudius setzte ihm nach und zerschmetterte ihm mit zwei Kolbenschlägen den linke Oberkiefer.

Inzwischen erschien Taent auch wieder und feuerte einen Schuss über den Bach weg, durchschritt diesen und schoss noch mehrfach; Ferrieré wurde durch einen Schuss getötet, der einen Kopf vom Nacken bis zur Oberlippe durchschlug. Gaudius nahm dem Toten die Pistole ab und warf seine eigene Parabellum ins Wasser.

(...)

30.11.1948

Gestern (29.11.1948) begann vor dem Lütticher Schwurgericht die Verhandlung gegen den 24-jährigen André Tant aus Brüssel und den 22-jährigen Joseph Gaudius aus Anderlecht, die unter der Anklage stehen am 23. August 1946 bei Elenborn zwei Gendarmen ermordet zu haben. Beide Angeklagte sind geständig und erwecken den Eindruck der Aufrichtigkeit.

Das Verhör
Die beiden Angeklagten schlossen auf der Kunsthandwerkschule in Brüssel Bekanntschaft. Während des Krieges arbeiteten sie beide am Atlantikwall, traten in die Resistance ein und gingen mit der Besatzungsarmee nach Deutschland. Gaudius, ebenso wie sein Komplize äußerlich ein hübscher Junge, ist im Grunde friedlicher Natur und ein regelmäßiger Arbeiter, der aber viele Abenteuerromane verschlungen hat. Tant neigt mehr zum Müssigegang und zeigt wenig Disziplin. Nach seiner Demobilisierung wurde er Schmuggler und verdiente auf diese weise viel Geld. Er forderte sein Freund Gaudius auf, ebenfalls mitzumachen und da dieser gerne noch einmal ins Rheinland kommen wollte, nahm er den Vorschlag an.

(...)

Das Gutachten der Psychiater
Die Gutachten der Psychiater lauten bei beiden Angeklagten dahin, dass sie voll für ihre Handlungsweise verantwortlich sind. Der am Abend zuvor genossene Alkohol haben keinen Einfluss haben können.

Die Aussagen hinsichtlich der Moral von Tant lauten durchaus günstig. Er habe keine Wirtschaften besucht und sich als Soldat durch Mut und gute Haltung ausgezeichnet, sodass er zum M.P. gemacht wurde. Auch Gaudius wird als zuverlässiger Arbeiter geschildert. Als Gaudius bei dem Verhör mit seiner Schwester konfrontiert wurde, begann er heftig zu schluchtzen.

(...)

01.12.1948

(...)

Die Frage nach dem Vorbedacht
Die Frage, ob die Beiden vorhatten zu töten muss bejaht werden. Offenbar wollten sie die beiden Gendarmen beseitigen. Der Staatsanwalt untersucht dann die Frage ob die Tat mit Vorbedacht ausgeführt wurde.

Bei Gaudius ließen verschiedene Gründe darauf schließen, u.a. das Mitführen einer Pistole, die seit Brüssel schussbereit war. In der zeit zwischen der ersten Kontrolle durch die Gendarmen und dem Mord habe er genügend Zeit gehabt, sich das einzige Mittel auszudenken um eine Inhaftierung zu entgehen.

Dann untersucht der Staatsanwalt die frage der Mittäterschaft beim ersten Mord van Tant. Dieser sei im Moment der Tat an den Arm von Gaudius gefesselt gewesen, habe also ebenfalls den linken Arm heben müssen, damit dieser schießen konnte. Außerdem habe er, noch immer an den anderen gefesselt, sich mit diesem dem verletzten Triest genähert um diesen zu töten, und habe habe sich die Pistole des Gendarmen angeeignet. Aus diesem Grund müsse man die Mittäterschaft Tants an diesem ersten Mord bejahen.

Tant habe den zweiten Gendarmen töten wollen. Aber die Frage des vorbedachten Mordes scheint nicht genügend geklärt. Hier sei Gaudius der Mittäterschaft zu bezichtigen, denn er habe Tant aufgefordert den Gendarmen zu töten, da er nicht mehr genügend Munition hatte. Er schlug Ferriré mit dem Revolverschaft auf den Kopf und verletzte ihn, um Tant dann aufzufordern den Rest zu erledigen. Gaudius habe hier ebenfalls mit Vorbehalt gehandelt.

Die Verteidigung von Tant
Rechtsanwalt Baiwir als Verteidiger von Tant versucht noch einmal aus dem unsteten Leben während der Besatzungszeit und als Soldat zu erklären, wie sein Klient zu dieser Tat gekommen sei. Er habe als Schmuggler keine Waffe gebraucht, denn die Überschreitung der Grenze sei leicht und fast gefahrlos gewesen, und Tant habe nicht nötig gehabt Gaudius zur Mitnahme der Pistole zu bewegen.

Bei dem Mord könne man nicht von seiner Mitschuld im ersten Fall reden. Die Handbewegung von Gaudius um die Pistole herauszureißen sei blitzschnell erfolgt, und es sei auf die Überraschung zurückzuführen, wenn Tant keine Abwehrbewegung gemacht habe. Die Handfesseln habe Gaudius schon vor der Tötung von Triest gelöst.
Die Flucht Tants zeige, dass er keine verbdrescherischen Anlagen besitze.

Bei dem zweiten Mord müsse man den Reflex dieser ganzen Tatsachen berücksichtigen. Die Aufforderung von Gaudius, die Aufregung. Er habe den Hund erschossen, und dann instinktiv auch auf den Gendarmen Ferriré gezielt. Er habe getötet, aber man könne ihn nicht als Mörder bezeichnen.

Die Verteidigung von Gaudius
Rechtsanwalt Thiry bittet das Gericht, die Nebenumstände gebührend zu berücksichtigen. Die schwere Jugend seines Klienten, die Kriegsjahre. Es besteht ein großer Unterschied zwischen Gaudius und Tant. Der erste habe gearbeitet, der zweite sich amüsiert. Tant sei der Verführer von Gaudius gewesen, der ihn zu dem Abenteuer verleitet hat. Er habe seine Waffe mitgenommen, weil ihm dies gerade in den Sinn gekommen sei, mehr auf eine Dummejungenart als aus Überlegung. Es ist unmöglich, dass aus diesem anständigen Jungen von einem Augenblick auf den anderen ein Mörder geworden sei, der eine Tat mit Vorbedacht ausführe. Erst die Handschellen hätten in ihm, der sich schnell aufregte, ein Gefühl des Beengtseins ausgelöst,  das ihm die Überlegung raubte.

Er habe geschossen um frei zu sein. Ohne nachzudenken, welche Folgen sich daraus ergeben könnten. Das er anschließend auf Ferriré losgegangen sei, liege daran, dass dieser noch die wichtigen Papiere in Besitz gehabt habe.

Die Strafverkündung
Der Staatsanwalt findet keinerlei mildernde Umstände. Es falle erschwerend ins Gewicht, dass die Tat gegen Hüter der öffentlichen Ordnung und in voller Verantwortlichkeit begangen sei. Er fordert deshalb für beide Angeklagte lebenslängliche Zwangsarbeit.

Rechtsanwalt Demoulin richtet einen Appell an die Milde der Richter und weist darauf hin, dass hier im Gegensatz zu anderen auf gleiche Art gestrafte Verbrecher mildernde Umstände bestehen: der schlechte Einfluss der Kriegsjahre, die Jugend von Tant und seine ausgezeichnete Führung im Krieg als Soldat.

Auch Rechtsanwalt Collignon erinnert an, die schlimmen Folgen einer langen Haft. Die Jugend sei schon ein mildernder Umstand, den man berücksichtigen müsse. "Sie können keine lebenslängliche Haft geben, denn das wäre ein Urteil, das dem Gedanken einer Besserungsmöglichkeit widersprechen würde.

Das Gericht verkündet dann folgendes Urteil: André Tant und Joseph Gaudius werden zu je 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Es wurden ihnen mildernde Umstände zuerkannt.