Küchelscheid - Leykaul

Küchelscheid und Leykaul bilden, wenn auch auf belgischer Seite, die logische Verlängerung des deutschen Dorfes Kalterherberg. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden beide Dörfer jedoch getrennt.

Die beiden Dörfer befinden sich inmitten einer wunderschönen Landschaft, großflächigen Wäldern, sowie landschaftlich und ökologisch sehr reizvollen Tälern, worunter die der Bäche "Rur", "Schwarzbach" und "Breitenbach". Von einem echten Dorfzentrum kann nicht die Rede sein, da es keine Kirche gibt, die den Mittelpunkt bilden könnte.

Geschichte

Das älteste übersichtliche Bild des Gebietes vermitteln uns die österreichischen Kabinettskarten, die in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts unter der Leitung des Kartographen Joseph von Ferraris entstanden sind.

Damals war dieser Landstrich des hohen Bütgenbach, mit Ausnahme der Bachtäler; mit Laubwald bedeckt. Wohnhäuser sind keine eingezeichnet, während jedoch auf der Leykauler Rurseite die Schiefersteingruben mit "Ardoisière" benannt werden.

Der begleitende Text der Ferraris-Karten, die man wohl als das erste zuverlässige Kartenwerk überhaupt bezeichnen könnte, lautet: on y trouve un moulin à eau pour les grains et une carrière d'ardoise, au nord est du Bois de 'Die Gemeinde'. Man findet also dort eine Wassermühle für Getreide und eine Schiefersteingrube im Nordosten des Waldes 'Die Gemeinde'.

Diese Schiefersteingruben haben dem Weiler zwischen Rur und Breitenbach den Namen 'Leykaul' gegeben.

Viele Fakten sprechen dafür, dass Grenzscheide an Breitenbach und Schwarzbach, bis um die Wende des 3. Jahrhunderts, zur Zeit der fränkischen Einwanderung, zurückreicht. Zwischen den Dörfern Kalterherberg, rheinfränkischer Mundart, und Elsenborn, moselfränkischen Dialekts, verläuft die Trennung. Denn hier, an den unwirtlichen Hängen und Höhen des Venns, kam der Zug der ripuarischen Franken aus dem Flachland des Nordostens zum Stehen. Zudem weist die starke Mischung in der Bevölkerung Kalterherbergs auf ein Grenzgebiet hin.

Seit dem ausgehenden Mittelalter im 15. Jahrhundert, unter den Herzögen von Burgund (Philipp der Gute 1419-1467) trennen sich hier Herrschaften und Staaten. In jüngerer Zeit haben die Herzogtümer Jülich (Monschauer Land) im Osten, und Luxemburg (Bütgenbacher Gebiet) im Westen, längst vor der Besiedlung des Landstrichs hier ihre Grenzen beiderseits der Rur festgelegt.

Bis zum Ende der österreichischen Niederlande (1794) hat sich an dieser Situation nichts geändert, bis dann die französischen Armeen unter Napoleon das Land besetzten und ihre Herrschaft bis an den Rhein ausdehnten (Vertrag von Lunéville, 1801). Die Franzosen räumten mit dem Feudalwesen auf und führten auch das Ende der Herzogtümer Jülich und Luxemburg herbei. Eine Staatsgrenze gab es nicht mehr, eine Verwaltungsgrenze aber blieb bestehen. Die Schlacht von Waterloo (1815) brachte die endgültige Niederlage Napoleons mit sich, aber inzwischen tagte schon der Kongress in Wien, wo die Landfürsten um die neuen Staaten Europas und ihre Grenzen "würfelten": Bütgenbach und Kalterherberg fielen mit dem Rheinland an Preußen.

Nach dem 1. Weltkrieg wurden die Kreise Eupen und Malmedy Belgien zugeteilt, infolgedessen Breitenbach, Schwarzbach und Klüserbach wieder als Staatsgrenze fungierten.

Am 1. September 1939 entbrannte der 2. Weltkrieg. Am 18. Mai 1940 wurden die ehemaligen Kreise Eupen und Malmedy dem Dritten Reich angeschlossen und die Grenzverhältnisse von vor 1918 wieder hergestellt. Breitenbach und Schwarzbach waren folglich nicht mehr Staatsgrenze, sondern trennten wie ehedem die Gemeinden Kalterherberg (Kreis Monschau) und Bütgenabch (Kreis Malmedy).

Der Schlagbaum hatte ausgedient. Nicht für lange. Vier Jahre und vier Monate waren seit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien vergangen, als im September 1944 die Alliierten Streitkräfte einrückten und die belgische Verwaltung wieder allenthalben Stellung bezog. Der Schlagbaum fand wieder Aufstellung an seinem ehemaligen Platz, die alte Grenze war abermals hergestellt und wurde sogar hermetisch abgeriegelt.

Für die Einwohner von hüben und drüben bedeutete dies ein schmerzlicher Eingriff in ihre Geflogenheiten und zudem waren die Dörfer Leykaul und Küchelscheid noch von ihrer Adoptiv-Pfarre Kalterherberg getrennt. Gottesdienste mussten in Privathäusern abgehalten werden. Hier gab es allerdings eine Ausnahme. Hatte man in den belgischen Dörfern einen Toten zu beklagen, dann ging nach vorherigen Gesprächen mit den Behörden der Schlagbaum hoch und der Verstorbene konnte, wie von alters her, auf dem Friedhof in Kalterherberg zur letzten Ruhe gebettet werden. Nur den nächsten Angehörigen, die in diesem Fall äußerst zahlreich waren, war es gestattet, dem Leichenwagen über die Grenze zu folgen. Zu Zollkontrollen ist es bei dieser Gelegenheit nie gekommen, obschon auch hier die Kaffee- und Zigarettenfront fest aufgebaut war.

Sehenswürdigkeiten

Die Dinkler'sche Exklave

Der Chefarzt des Luisenhospitals in Aachen, Dr. Dinkler, besaß auf Leykaul einen kleinen Gutshof und ein Wochenend- und Ferienhaus, im Volksmund "Dinklers Villa" genannt. Diese Liegenschaften wären normalerweise mit dem Weiler Leykaul und dem Kreis Malmedy Belgien zugefallen. Der Arzt muss aber ausgezeichnete Verbindungen zur Versailler Friedenskonferenz verfügt haben, denn es ist ihm gelungen, eine Exklave zu schaffen, so dass wenigstens seine Villa deutsch blieb, während der Gutshof mit Ländereien an Belgien abgetreten wurde!

Nach dem 2. Weltkrieg kam es an der deutsch-belgischen Grenze zu geringfügigen Korrekturen, die am 28. August 1958 offiziell vollzogen wurden. Dabei sollte vermieden werden, dass deutsche Staatsbürger die Nationalität wechselten. Nun war in den 30er Jahren auf der gegenüberliegenden Straßenseite das Haus Brandenburg erbaut worden, das auch ständig bewohnt wird, was aber bei Ferienhaus Dinkler nicht der Fall ist.

So wurden dann die Leykauler Straße und die Villa auf der Westseite belgisch, während Haus Brandenburg mit Bering bei Deutschland verblieb. Die Gemeinde Kalterherberg hat anschließend in großzügiger Weise einen Verbindungsweg von der Hauptstraße bis an das deutsche Wohnhaus gebaut.

Das Kreuz im Venn

Auf der Richelsley, einem 80 m langen und bis zu 12 m hohen devonischen Konglomeratfelsen bei Reichenstein, entstanden vor über 400 Millionen Jahren, wurde am 28. Juli 1890 ein mächtiges Eisenkreuz eingeweiht. Pfarrer Gerhard Joseph Arnoldy, von 1869 bis 1914 in Kalterherberg tätig und Erbauer des dortigen ,,Eifeldoms", ließ es für 800 Goldmark auf eigene Kosten errichten zur Erinnerung an Stephan Horrichem, den ,,Apostel des Venns". Horrichem war 1639 bis 1686 Prior des Prämonstratenserklosters Reichenstein und unermüdlich in seiner Hilfsbereitschaft für die bedrängten Menschen am Venn während des 30-jährigen Krieges.

Das Kreuz im Venn ist 6 m hoch, 1.338 kg schwer und fest im Fels verankert. 31 Stufen führen hinauf zum Kreuz, in das kreuzförmige Ornamente eingeschnitten sind, an denen waghalsige Jungen frühere hochkletterten, um, auf den Querbalken liegend, weit ins Monschauer Land schauen zu können. Bei der Renovierung von 1959 wurden die Öffnungen von innen mit Eisenplatten versperrt.

Das Kreuz im Venn ist bekannt geworden durch den gleichnamigen Roman von Clara Viebig.

Der Weiler Ruitzhof

Eine knappe halbe Wegstunde von der Kirche in Kalterherberg entfernt liegt in westlicher Richtung hinter dem Grenzübergang Küchelscheid die Exklave Ruitzhof.

Die wenig befahrene Straße führt jenseits des oberen Rurtals durch Weideland und endet bei einer Gruppe von kleineren Gehöften und Wohnbauten am Rande des Fichtenwaldes um den Pannensterzkopf. Nicht weit davon entfernt, in der Gegend des Geisberges (557m), stand früher ein Hof des Klosters Reichensteins.

Die Auflösung des Klosters 1802 durch Dekret der französischen Regierung besiegelte auch das Schicksal von Ruitz und Bredtbaum. Die Höfe konnten sich unter den für die Landwirtschaft ungünstigen Verhältnissen am Venn als selbständige Betriebe nicht halten. Mit dem Bau der neuen Straße von Aachen nach Trier in der Napoleonischen und nachfolgenden preußischen Zeit verlor die alte Kupferstraße ihre Bedeutung. Ruitzhof, abgeschnitten von der Welt, versank in einen Dornröschenschlaf, aus dem es auch die 1885 eröffnete Vennbahn nicht mehr erwecken konnte.

Heute wird Ruitzhof auf allen Seiten von der belgischen Staatsgrenze umsäumt.